Mati jetzt im Lotus
Wenn der Raum die Entfaltung ist, dann ist die Zeit der Weg.
Der Raum öffnet sich gleichzeitig in alle Richtungen. Die Zeit hingegen ist die Erfahrung, diese
Entfaltung zu durchlaufen. Sie ist kein Ding an sich, sondern der Weg, der entsteht, wenn sich etwas,
das enthalten war, auszudehnen beginnt.
Als die alten Kulturen versuchten, die Zeit darzustellen, taten sie dies daher nicht in Form einer Linie
oder eines Pfeils. Sie stellten sie als eine Bewegung der Öffnung dar. Und das Bild, das diese Geste
immer wieder zusammenfasst, ist eine Blume.
Die Zeit öffnet sich wie eine Lotusblume.
Die Lotusblume als Bild für den Weg.
Die Lotusblume taucht in vielen Traditionen als Symbol für die Verbindung zwischen verschiedenen
Ebenen auf. Sie entsteht nicht an der Oberfläche, sondern im Schlamm, durchdringt das Wasser und
öffnet sich dem Licht. Sie ist eine Form, die Ursprung, Weg und Manifestation in einer einzigen Geste
vereint.
Deshalb steht die Lotusblume nicht nur für Reinheit oder Schönheit. Sie steht für den
Verbindungspunkt zwischen dem Nicht-Manifestierten und dem Manifestierten. Für den Übergang
zwischen Potenzial und Erfahrung.
In Bezug auf das Bewusstsein ist die Lotusblume das Bild der inneren Reise: von der Tiefe, Dunkelheit
und Undifferenziertheit hin zur Öffnung, Wahrnehmung und Form.
Om Mani Padme Hum ist die Karte der Zeit.
Das Mantra „Om Mani Padme Hum” fasst diesen gesamten Weg zusammen.
Nicht als Gebet, sondern als Struktur:
• Om: der Urklang, das Vorherige aller Formen.
• Mani: das Juwel, der Same, der Punkt des Bewusstseins.
• Padme: die Lotusblume, die Öffnung dieses Samens.
• Hum: die Inkarnation, die Erfahrung in der Materie.
Die Zeit folgt genau diesem Weg: Zuerst die Leere, dann der Punkt, dann die Öffnung und schließlich
die konkrete Erfahrung.
Es gibt jedoch noch etwas Wichtigeres: Dieser Weg kann auch in umgekehrter Richtung beschritten
werden. Von Hum zu Padme. Von Padme zu Mani. Von Mani zu Om. Das ist der Weg zurück.
Die Lotusblume als Krone und Zentrum des Bewusstseins
In vielen Traditionen wird die Lotusblume mit der Krone, dem höchsten Verbindungspunkt des
Bewusstseins, assoziiert. Nicht, weil sie „oben” ist, sondern weil sie der Ort ist, an dem die Erfahrung
wieder mit ihrem Ursprung verbunden wird.
Die geöffnete Blume symbolisiert das entfaltete Bewusstsein.
Die sich schließende Blume symbolisiert das Bewusstsein, das zum Zentrum zurückkehrt.
Deshalb ist der Lotus nicht nur Expansion. Er steht auch für Rückzug.
Diese Idee führt uns zu einem viel konkreteren Bild: dem Lotus als Hüter des Schoßes der Schöpfung.
Der blaue Lotus und die ägyptische Zeit
In Ägypten war der blaue Lotus des Nils eines der wichtigsten Symbole für den Ursprung und die Zeit.
Er war kein abstraktes Symbol. Er war eine direkte Beobachtung der Natur: Der Lotus öffnet sich bei
Tageslicht und schließt sich bei Sonnenuntergang. Jeden Tag wiederholt sich derselbe Zyklus. Er
entsteht, entfaltet sich, zieht sich zurück und kehrt ins Wasser zurück. Für die Ägypter funktionierte die Zeit genauso.
Die Zeit bewegte sich nicht auf etwas Unbekanntes zu. Sie kehrte jeden Tag zu ihrem Ursprung zurück.
Deshalb wurde die Lotusblume mit der Geburt der Sonne, der Erneuerung und der Kontinuität des
Lebens in Verbindung gebracht. Die Zeit war ein lebendiger Zyklus und keine Linie, die sich verliert.
Die Lotusblume als Prophezeiung des Bewusstseins.
In diesem Zusammenhang entstand die Idee, dass die Lotusblume das Zentrum der Schöpfung hütet.
Die Lotusblume öffnet nicht nur die Welt, sondern schützt sie auch. Sie bewahrt den Punkt, an dem
das Bewusstsein wieder von vorne beginnt.
Wenn der Lotus das Bild der Zeit ist, dann ist der Nil sein Körper. Der Nil wurde nämlich nicht nur als Fluss, sondern als Arterie des Bewusstseins verstanden. Sein Zyklus von Hoch- und Niedrigwasser bestimmte den Rhythmus des ganzen Landes. Landwirtschaft, Wirtschaft, Rituale und Kosmologie waren mit diesem Puls synchronisiert. Der Lotus, der sich am Nil öffnete und schloss, verkörperte diesen Rhythmus. Er war der sichtbare Ausdruck der ägyptischen Zeit: eine Zeit, die sich ausdehnt und wieder zurückzieht, ohne ihr Zentrum zu verlieren.
Assuan: die Quelle des Lotus
Wenn der Lotus das Zentrum des Bewusstseins darstellt, musste seine Energiequelle an einem bestimmten Punkt liegen.
Dieser Punkt war Assuan. Neben seiner strategischen Bedeutung als Grenze und Handelsknotenpunkt in der Antike nahm
Assuan einen zentralen Platz in der ägyptischen Mythologie ein. Dort befand sich nämlich der Mechanismus zur Regulierung der Welt. In der Region Elephantine wurde Khnum, der Schöpfergott, der dem Leben Gestalt gab und das
Hochwasser des Nils regulierte, verehrt. Khnum schuf jedoch nicht aus dem Nichts, sondern formte, ordnete und kalibrierte den Fluss.
In der Nähe, in Philae, entwickelte sich der Kult um Isis, die Mutterkraft, die das Zerbrochene wieder zusammenfügt und dem Kreislauf seine Kohärenz zurückgibt. Mutter und Schöpfer. Gebärmutter und Form. Bewusstsein und Struktur.
Assuan war deshalb nicht nur ein heiliger Ort, sondern auch der Punkt, an dem der Kreislauf der Zeit neu justiert werden konnte.
Vom Lotus zum goldenen Ei.
Wenn sich der Lotus öffnet, entfaltet sich die Welt. Wenn er sich schließt, umfasst der Ursprung wieder alles.
Das goldene Ei ist diese geschlossene Form. Der Zustand vor der Zeit. Das Bewusstsein vor der Abfolge. Deshalb führt uns das Folgen des Lotus bis zu seiner Quelle unweigerlich zum Ei. Assuan erscheint somit als der natürliche Ort, um den ersten Samen der Goldenen Eier als Ergebnis der symbolischen Reise zu säen. Der Lotus führt zum Zentrum. Das Zentrum zieht sich zurück. Wenn es sich schließt, wird es wieder zum Ei.
Der erste zeitliche Samen
Hierbei geht es nicht nur darum, Zukunft zu schaffen, sondern auch darum, sich an den Kreislauf zu erinnern.
Die Zeit wird nicht dadurch repariert, dass sie schneller voranschreitet. Sie wird repariert, indem man die Blume richtig schließt. Der blaue Lotus weist den Weg. Assuan bewahrt die Quelle. Und das goldene Ei ist die Form, die entsteht, wenn die Zeit zu ihrem Ursprung zurückkehrt. Dies ist der erste zeitliche Samen. Der Lotus, der zurück zum Ei führt.
Willkommen beim Ursprünglichen Lotus!